Aktive Federung
Aktive Federung geht über adaptive Dämpfung hinaus, indem sie Kraft hinzufügt oder Straßeneinflüsse vorhersagt. Erfahren Sie Konzepte und moderne Beispiele wie Porsche und NIO.
Zuletzt geändert: Feb. 04, 2026“Adaptive” vs. “Aktive” — der wichtige Unterschied
Fahrwerksterminologie ist unübersichtlich, daher ist es hilfreich, drei Kategorien zu unterscheiden:
Passiv
Feste Federn und feste Dämpfer. Keine Änderungen in Echtzeit.
Semi-aktiv (adaptive Dämpfung)
Das System kann Dämpfung ändern (wie stark es Bewegungen widersteht), kann jedoch das Rad nicht direkt nach oben oder unten „drücken“. Die meisten „adaptiven Fahrwerkssysteme“ fallen hierunter.
Porsches PASM ist ein bekanntes Beispiel für kontinuierlich anpassendes Dämpfungsverhalten basierend auf Bedingungen und dem gewählten Fahrmodus.
Aktiv
Das System kann Energie hinzufügen zur Federung — wirkt dabei de facto wie ein Schub-/Zugmechanismus, um die Karosseriebewegung direkter zu steuern, statt sie nur zu dämpfen.
Hier liegen die größten Sprünge beim flachen Fahrgefühl und der Fahrzeugbeherrschung.
Was aktive Federung erreichen soll
Aktive Systeme zielen meist auf folgende Vorteile ab:
- Weniger Karosserieneigung in Kurven ohne steife Federn
- Weniger Eintauchen beim Bremsen / weniger Durchsacken bei Beschleunigung
- Bessere Isolierung auf unebenen Straßen (hält die Karosserie ruhig)
- Besseres Reifenlastmanagement (konstanterer Grip)
Der heilige Gral lautet: sportliche Kontrolle ohne Härte.
Die drei „Varianten“ moderner aktiver Federung
Die meisten aktuellen Systeme fallen in eine (oder eine Kombination) dieser Ansätze:
- Elektromechanische aktive Federung (oft 48V): Elektromotoren/Aktoren erzeugen an jeder Ecke Kraft, um Roll-, Nick- und Hubbewegungen entgegenzuwirken.
- Hydraulische / elektro-hydraulische aktive Federung: Ein hydraulisches System (oft mit schnellen Ventilen und Pumpen) erzeugt an jeder Ecke Kraft.
- Vorausschau + Steuerungssoftware: Kameras/IMU/GPS erkennen bevorstehende Unebenheiten, sodass das System sich vorbereiten kann, bevor das Rad die Unebenheit erreicht.
Die Videos unten zeigen drei verschiedene Auslegungen von „aktiver Federung“.
Aktive Wankstabilisierung (Anti-Roll-Kontrolle)
Eine der wirkungsvollsten „aktiven“ Techniken ist die aktive Wankstabilisierung. Anstelle eines passiven Stabilisators wirken Aktoren der Karosserieneigung entgegen.
Porsche beschreibt PDCC als aktive Wankstabilisierung, die die seitliche Karosseriebewegung in Kurven reduziert.
Warum es bei Elektroautos wichtig ist
- Schwere Fahrzeuge profitieren von Wankkontrolle für mehr Stabilität
- Steife passive Stabilisatoren können den Komfort auf unebenen Straßen beeinträchtigen
- Aktive Systeme können beides erreichen: flaches Kurvenfahren und Nachgiebigkeit
Radselektive aktive Federung: Audi e-tron GT / Porsche Taycan-Familie
Einige Premium-Elektroautos verwenden radselektive aktive Systeme, die an jeder Ecke vertikale Kräfte erzeugen können. Das Ziel ist nicht nur eine weichere oder härtere Federung, sondern die Karosseriebewegung aktiv zu gestalten:
- Den Wagen beim Beschleunigen und Bremsen waagerechter halten (Durchsacken/Eintauchen reduzieren)
- Die Karosserie bei schnellen Lenkbewegungen stabilisieren
- Den Komfort erhöhen, indem der „zweite Nachhub“ nach Unebenheiten verhindert wird
- Eine größere Spannweite zwischen Komfort- und Dynamikmodus schaffen
Darauf sollte man im Video achten
- Die Karosserie bleibt bei Nickbewegungen (Bremsen/Beschleunigen) bemerkenswert ruhig
- Das Fahrzeug widersteht dem Wanken und stabilisiert sich nach Lenkbewegungen schnell wieder
- Das Gefühl, dass die Federung aktive Arbeit leistet (nicht nur dämpft)
Das Video unten zeigt die aktive Federung des Audi e-tron GT. Es handelt sich um die gleiche Hardware-Familie, die im Porsche Taycan zum Einsatz kommt.
EVKX-Fazit: Dieser Systemtyp zielt auf das GT-Erlebnis: Langstreckenkomfort, ohne die Kontrolle zu verlieren, wenn es auf der Straße schnell, holprig oder kurvenreich wird.
Straßenvorschau und „prädiktive“ Federung (Kamera-/Radar-Eingaben)
Einige moderne Elektroautos nutzen Sensoren, um sich vor dem Kontakt der Räder mit Unebenheiten vorzubereiten.
Vorschau ist wichtig, weil reaktive Systeme auf Rad- oder Karosseriebewegungen warten und dann reagieren. Ein prädiktives System kann Ventile, Aktoren oder Höheneinstellungen vorab laden, sodass der erste Aufprall gemindert wird und die Karosserie ruhiger bleibt.
In der Praxis kann Vorschau Folgendes verbessern:
- Komfort bei scharfen Kanten (weniger anfänglicher Stoß)
- Reduzierung des „Kopfnickens“ auf unebenen Straßen
- Stabilität, wenn eine Unebenheit mitten in der Kurve auftritt
Vollständig aktive hydraulische Federung: NIO ET9 „Champagner-Turm“-Demo
Der ET9 von NIO demonstriert einen vollständig aktiven Ansatz, bei dem die Federung Steifigkeit, Dämpfung und Fahrzeughöhe extrem schnell anpassen kann. Es handelt sich um ein System, das darauf ausgelegt ist, die Kabine von der Straße zu entkoppeln – die Räder erledigen die Arbeit, während die Karosserie ruhig bleibt.
Was der Champagner-Turm-Test demonstriert
- Hubkontrolle: Sehr geringe vertikale Karosseriebewegung über Bodenwellen hinweg beibehalten
- Konsistenz: Nicht nur eine Unebenheit – wiederholte Unebenheiten ohne Schwingungsaufbau
- Feinsteuerung bei niedrigen Karosseriefrequenzen: Die Karosserie darf nach jedem Impuls nicht „schwappen“
Dieses Video zeigt den NIO ET9, der mit Champagnergläsern fährt.
Was es im realen Fahrbetrieb bedeutet
- Weniger Ermüdung auf holprigen Straßen und Autobahnwellen
- Mehr Stabilität bei Übergängen zwischen Rekuperation/Bremsen (weniger Kopfwackeln)
- Besserer Komfort, ohne extrem weiche Federn zu benötigen
Hochkraft-elektrohydraulische Karosserieregelung: BYD YANGWANG U9 „Jump“-Demo
Der YANGWANG U9 von BYD nutzt ein aktives Karosserieregelungssystem, das in der Lage ist, große, schnelle vertikale Kräfte zu erzeugen. Der berühmte „Jump“ ist aus der Sicht der Fahrwerksentwicklung kein Gimmick, sondern eine ganz klare Demonstration von:
das System kann dem Chassis schnell Energie zuführen.
Das ist der Hauptunterschied zwischen:
- einem Dämpfer (dissipiert Energie),
- adaptiver Dämpfung (ändert den Widerstand),
- und einem wirklich aktiven System (kann auf Abruf Kraft erzeugen).
Darauf sollte man im Video achten
- Das Fahrzeug „duckt“ sich zuerst (Vorspannen des Federwegs und der Kraft)
- Dann setzt es die gespeicherte/kontrollierte Energie frei, um die Karosserie anzuheben
- Die Stabilisierungsfähigkeit bei der Landung zeigt, wie schnell das System nach einem größeren Ereignis die Kontrolle zurückgewinnt
Das Video unten zeigt das aktive System des BYD YANGWANG U9 beim Überspringen von Hindernissen.
Was das (abseits des Stunts) bedeutet
- Starkes Potenzial für Nick- und Wankkontrolle, ohne auf steife Federn angewiesen zu sein
- Karosseriestabilisierung bei aggressiver Beschleunigung/Bremsung und schnellen Übergängen
- Dieselbe zugrundeliegende Fähigkeit kann auch „Dreiradfahrten“ und „Tanz“-Demos ermöglichen: Jede Rad-Ecke kann unabhängig angesteuert werden
Die praxisrelevante Frage: Macht es das Auto besser?
Aktive Systeme können revolutionär sein – aber nur wenn:
- Sensoren genau arbeiten,
- die Reaktion schnell erfolgt,
- die Kalibrierung ausgefeilt ist,
- und die mechanische Basis (Gummilager, Aufnahmen, Federweg) solide ist.
Ein schlecht kalibriertes aktives System kann unruhig, künstlich oder inkonsistent auf verschiedenen Oberflächen wirken. Ein gut kalibriertes kann ein schweres Elektroauto überraschend leicht und beherrscht wirken lassen.
Worauf man bei Marketingaussagen achten sollte
Wenn Sie „aktive Federung“ sehen, prüfen Sie, was tatsächlich enthalten ist:
- Nur adaptive Dämpfung (semi-aktiv)
- Luftfederung + adaptive Dämpfung (immer noch meist semi-aktiv, aber leistungsstark)
- Aktive Stabilisatoren (Wankkontrolle)
- Radselektive aktive Federung (kann an jeder Ecke Kraft hinzufügen)
- Vorausschauende Erfassung (kamera-/radarbasierte prädiktive Anpassungen)
Je mehr dieser Funktionen kombiniert werden, desto näher kommt man dem Ziel des „Besten aus beiden Welten“.
EVKX-Fazit
Wenn Ihnen Folgendes wichtig ist:
- Langstreckenkomfort,
- Sicherheit auf schlecht ausgebauten nordischen Winterstraßen,
- und stabiles Verhalten auf Autobahnen,
dann ist die Fahrwerkstechnologie oft wichtiger als 0–100-Zahlen. Besonders bei Elektroautos sind die beeindruckendsten Systeme diejenigen, die Kontrolle ohne Härte bieten.